Draußen regnets, und auch wenn wir so eine Art überdachte Terrasse haben, macht das Sitzen dort keinen Spaß, weil die Mücken auch vor Jeanshosen und Regenjacken keinen Halt machen und mich auffressen wollen. Also hab ich mich in mein Bett unter mein Mückennetz verkrochen und versuche die nächste Rundmail auf den Weg zu bringen.
Zu allererst mal: Mir gehts gut. So langsam kann ich mich über zu wenig Arbeit nicht mehr beklagen, gestern hätte man sogar fast von Stress sprechen können, wurde ja auch Zeit, denn eigentlich kann ich ja auch gar nicht ohne…
Nein, mal im Ernst. Gestern haben wir unseren ersten Mülltrennungsworkshop mit Kindern einer sechsten Klasse veranstaltet. Ich muss zugeben, ich hatte doch ein bisschen Bammel, wenn man so als Sprachinvalide, und das sind wir nach wie vor, vor 25 Kindern steht und denen was beibringen möchte, hofft man doch sehr, dass die Kinder es gut mit einem meinen. War aber kein Problem und ich würde sogar sagen, dass es für den Anfang ganz gut war.
Werden noch ein bisschen was an der Präsentation ändern und dann nächste Woche zur nächsten Schule ziehen. Das Hauptproblem beim Thema Mülltrennung ist, dass der Großteil der Leute überhaupt kein Bewusstsein dafür hat, was mit dem Müll, der einfach achtlos in die Gegend geworfen wird, eigentlich passiert. Wir bringen den Kindern bei, dass sie den Müll in soliden und organischen Müll trennen sollen. Den organischen Müll können die Familien selbst auf einem Komposthafen zu Dünger verarbeiten und gerade läuft ein Pilotprojekt an, dass auch der solide Müll abgeholt und recycelt wird, aber dafür muss er zuvor getrennt werden.
Ein besonderes Problem, das der Müll vor allem hier in der Zone verursacht, ist, dass er die Wasserabflussgräben verstopft und das sowieso schon Überschwemmungsgefährdete Gebiet noch anfälliger macht…
Dann werde ich am Ende des Monats meine erste Fortbildungsveranstaltung für die Gesundheitspromotorinnen halten in der es um die Handhabung von Antibiotika gehen soll, denn auch das ist ein Problem, auf das ich schon ziemlich zu Beginn meiner Arbeit gestoßen bin. Die Promotorinnen wissen zwar so in etwa, was man bei der Einnahme von Antibiotika beachten muss, also zum Beispiel dass man die Packung trotz einer subjektiven Besserung zu ende nimmt, geben dieses Wissen aber nicht an die Leute weiter. Überhaupt geben die Promotorinnen meines Erachtens viel zu oft Antibiotika an die Patienten raus, ohne zu prüfen, ob wirklich eine Notwendigkeit besteht. Ich möchte den Frauen aber auch keinen Vorwurf machen, denn sie haben keine richtige medizinische Ausbildung und machen ihren Job so gut sie können. Ein anderes großes Problem ist auch die Verfütterung von Antibiotika an die Hühner. Die Leute kommen in die Klinik und kaufen zwei Tabletten Amoxicillin für ihre Hühner. Dazu müsst ihr noch wissen, dass Amoxicillin der einzige antibiotische Wirkstoff ist, der hier zur Verfügung steht, weil er einerseits billig ist, und andererseits ein relativ großes Erregerspektrum abdeckt, umso gefährlicher ist aber auch eine eventuelle Resistenzbildung, die durch dir Verfütterung von Amoxicillin an die Hühner, die die Menschen irgendwann später essen, sehr begünstigt wird. Allerdings weiß ich an diesem Punkt nicht so genau, wie vehement oder nicht ich meinen Standpunkt da vertreten soll, denn ich gehe davon aus, dass die meisten eher eine Resistenzbildung…. eine noch dazu recht abstrakte Sache… in Kauf nehmen würden, als zuzusehen wie ihre Hühner sterben, was man angesichts der herrschenden Armut ja auch irgendwie nachvollziehen kann. Ich habe mir überlegt, das Thema anzusprechen und zur Diskussion zu stellen, ohne ein Verhalten vorzuschreiben und ich bin gespannt, was dabei rauskommt.
Dann habe ich letzte Woche erfahren, dass ich Mitte November eine Capacitación, so was wie ein Workshop, zum Thema Aids und sexuell übertragbare Krankheiten mit Jugendlichen veranstalten soll. Das ist auf jeden Fall ein großer Berg Arbeit, denn viereinhalb Stunden wollen vorbereitet werden, aber auch wenn ich ganz schön Schiss hab, freu ich mich drauf.
Ansonsten mache ich nach wie vor Musik, gebe Klarinettenunterricht und so wies aussieht bald wohl auch… jetzt haltet euch fest: Ballettunterricht. Fragt besser nicht, ich bin da so reingerutscht, die Meisten von euch werdens nicht wissen, hab das auch bisher immer schön geheim gehalten, aber ich hab das vor langer Zeit schon mal gemacht… hihi, am Samstag fahren wir mit fünfzehn Mädels in die Hauptstadt zur ersten Ballettstunde mit einer professionellen Tänzerin, die wir alle zwei Wochen besuchen werden. Die übrige Zeit soll ich dann überbrücken… na ja wir werden sehen =)
Mit der Musikgruppe waren wir vergangenes Wochenende für drei Tage auf einem sagen wir Austausch in einem anderen Landesteil, bei dem wir mit etwa 150 Jugendlichen in den Bergen zwei Nächte gezeltet haben, alter Schwede sag ich euch, war das kalt da. Ich wusste nur so ungefähr, was mich erwartet und ich hatte auch gehört, dass es kälter werden könnte, aber nach zwei Monaten mit Tiefsttemperaturen um die 25 Grad, kommt man bei 15° doch schon so langsam ans Zittern, vor allem wenn man keinen Schlafsack hat, sondern nur drei Pullis, in die man sich in guter alter Zwiebelschalentechnik geworfen hat. Mal abgesehen von der nächtlichen Kälte, war es aber ein super Wochenende, die Landschaft einfach unglaublich und super viele nette Leute und ein gutes Programm.
Am ersten Abend und am nächsten Morgen ging es um die (Menschen) Rechte von Jugendlichen, am zweiten Abend dann um die Kultur. Was ist eigentlich Kultur, was macht Kultur aus, was macht die Salvadoreanische Kultur aus? Und genau die letzte Frage beinhaltet ein großes Problem.
In unserer kleinen Arbeitsgruppe sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Kultur eigentlich das Resultat der Geschichte eines Landes ist. Das Problem ist aber, dass viele Jugendliche hier über ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Eltern und die Geschichte ihres Landen so gut wie gar nicht Bescheid wissen, was daran liegt, dass man als Kind ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten hat, etwas über Geschichte und Kultur zu erfahren und das ist einmal das Zuhause und zum anderen die Schule. Viele Eltern sprechen mit Ihren Kindern nicht über die Vergangenheit, weil sie vom Krieg stark traumatisiert sind und sich mit Hilfe des Fernsehens in eine Friede-Freude-Eierkuchenwelt flüchten, die hilft, die erlittenen Schmerzen zu verdrängen. Hinzukommt, dass es fast keinerlei Aufarbeitungsmöglichkeiten oder Angebote gibt. In der Schule ist der Geschichtsunterricht Teil eines Faches und beschränkt sich mehr oder weniger auf die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Kriegsgeschichte und Kultur werden einfach nicht unterrichtet. Na ja ist ja auch eigentlich ganz praktisch, denn so wird vermieden, dass Kinder lernen, die Dinge kritisch zu hinterfragen, und Sachen die man selbst mitverbockt hat muss man den Kindern ja auch nicht unter die Nase reiben.
Beteiligen sich Kinder an Kulturprojekten, sei es nun eine Tanzgruppe, eine Musikgruppe, eine Theatergruppe oder was auch immer, werden Fähigkeiten wie Kreativität, Teamgeist, kritisches Denken und Leistungsbereitschaft gefördert und das auf spielerischem Wege, der Spaß macht. Seit kurzem gibt es hier so etwas wie einen Kulturbeauftragten, der für die Organisation eben solcher Projekte zuständig ist, der Austausch am Wochenende und die Ballettgruppe sind der Anfang, wobei aber natürlich auch schon die ein oder andere Gruppe besteht. Am letzten Tag des Festivals konnten dann alle Gruppen ihre Arbeit praesentieren, mit dabei waren verschiedene Musik-, Tanz- und Theatergruppen.
Ja, was ist noch passiert? Letzte Woche waren wir in der Hauptstadt unterwegs, weil wir unsere Aufenthaltserlaubnis verlängern und ein Visum beantragen mussten… das war ein kleines Abenteuer, das ich euch nicht vorenthalten möchte =)
Nach einer verregneten Hinfahrt auf der Ladefläche eines Pickups unter ner großen Plastikplane, hat sich meine Regenjacke zum ersten Mal so richtig bewährt. Ja angekommen, und mit Ulf getroffen. Ulf ist ein Deutscher der für drei Jahre in El Salvador arbeitet und ein wandelndes Lexikon was Mittelamerika betrifft. Er hat uns den ganzen Abend Geschichten von einzelnen Leuten aus El Salvador erzählt, dazu gabs Kartoffelsuppe, sehr gut mal was annähernd deutsches nach längerer zeit. Getoppt wurde das am nächsten Morgen noch von Brot - Weißpappe - mit Butter und deutscher Marmelade, die gute Göbber vom Lande... kann man hier für 3,50 Dollar kaufen....worüber man sich pötzlich freut.... aber die Fabrikmarmelade hier kann man einfach nicht essen, viel zu süß...
Danach dann zur Rechtsanwältin und zur Übersetzerin. Hat soweit alles geklappt, bis die Rechtsanwältin meinte, dass unser Gesundheitszeugnis nicht gültig ist, weil ein privater Arzt das ausgestellt hat und nicht ein Arzt der für das Gesundheitsministerium arbeitet. Ja. Ein Problem. Gloria, unsere Ansprechpartnerin hier und die Frau, die mit uns die ganzen Formalitäten regelt, kannte aber eine Ärztin flüchtig die fürs Ministerium arbeitet… also wir wieder quer durch die Stadt zu dieser Ärztin. Philipp hatte zufällig seine Untersuchungsergebnisse dabei, ich nicht, also ein neues Zeugnis für Philipp, für mich nicht... erst mal, am Ende dann doch, bin ja Medizinstudentin....
Dann zur Migration. So ein Spaß, mittlerweile wars eins oder so, tja und jetzt der Witz an der ganzen Sache: nee, das Gesundheitszeugnis können wir nicht anerkennen.... weil: Bei der Krankenhausverwaltung hat man mich nach dem Mädchennamen meiner Mutter gefragt. Ja, Lemmen sag ich. Alles klar, müssen ja in den Akten geführt werden. Am Ende hat man mich dann mit vollem Namen Ulrike Schraml Lemmen getauft. Ist hier so, Alle haben zwei Vor- und zwei Nachnamen. So stands dann auch im Zeugnis.... =) Dann haben wir der guten Frau von dem anderen erzählt, ja sagt sie, sie wolle das mal sehen, lag schon zerknüddelt müllfertig auf dem Rücksitz.... ja sagt sie, ist super, der Arzt ist bei uns registriert, das können wir nehmen =)
Ok, durchatmen. Dann: mein Missionarsausweis, leider fehlt ein a im Namen. Ulrike Schrml. Das können wir nicht anerkennen, aber wenn sie hier in der Gegend jemanden mit Schreibmaschine finden, können sie das ja eben korrigieren. Also wir auf Schreibmaschinensuche, haben dann einen netten Beamten vom Bildungsministerium gefunden, der das dann für einen Dollar gemacht hat. Vorne auf der karte steht jetzt mein Name und hinten vor der Unterschrift des Bischofs noch mal, dass Schraml auch wirklich der richtige Name ist =) ja und damit war alles kein Problem mehr. Unterschrift, Fingerabdrücke, Foto, Größe gewicht, Augenfarbe und zwei Adressen aus Deutschland von Leuten die uns kennen und am nächsten Tag hätten wir unsere Aufenthaltserlaubnis für die nächsten drei Monate abholen können, naja machen wir dann ein anderes Mal. Gloria die uns begleitet hat, hatte leider um drei nen Termin und wir warn aber noch nicht fertig. Sie ist dann gegangen und wir standen einsam und verlassen vorm Migrationsministerium, in dem wir wohlgemerkt die letzten warn, weil die eigentlich um halb vier zumachen.
Wir hatten mit einer, die auch bei uns im Büro arbeitet und die mit dem Auto nach San Salvador gefahren ist, verabredet, dass wir das Auto mit zurücknehmen werden, also haben wir uns mit ihr getroffen. Zu diesem Zweck wollten wir ein Taxi nehmen, haben dann auch eins ausgewählt, was uns als am fahrtauglichsten erschien, doch der gute Mann meinte, er rufe einen Kollegen. ja. der Kollege kam und hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich gesagt, dieses Auto kann nicht einen Meter mehr fahren, so ein Schrotthaufen =) aber es fuhr, durch den San Salvadorianischen Verkehrsdschungel zum nächsten Einkaufszentrum, wo wir uns mit Rosy aus dem Büro getroffen haben. Mittlerweile wars fünf und um sechs wirds dunkel, also wir ins Auto, Problem: Philipp hatte keinen Führerschein dabei, also klein Ulli mit dem Pickup von San Salvador nach Nueva Esperanza. Wir hatten seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, aber die nahende Dunkelheit ließ uns noch ein bisschen aufs Essen verzichten. Als wir aus der Stadt raus waren hab ich dann erst mal den salvadoreanischen Fahrstil getestet: rechts und auf dem Standstreifen überholen, vorher durch ein hupen ankündigen.... =) hat Spaß gemacht, aber bald wars zu dunkel für solche Spirenzchen. Und das war schon krass, denn es gibt unendlich viele Autos mit Zuckerrübentrekkerbeleuchtung oder auch ganz ohne.
Sind aber sicher angekommen, auf dem Weg haben wir dann noch Pupusas - Teigfladen mit Bohnenpampenkäsefüllung und Krautsalat mit Soße - gekauft und ab nach Hause, nach dem Essen, leider nicht satt, also noch zwei Pan Dulce - Kekse - mit nem Bierchen und dann nur noch todmüde ins Bett =) Alles in Allem eine sehr lustige Aktion. Jeden tag bestätigt sich eigentlich, dass es immer für alles eine Lösung gibt. Ich mein ist ja im allgemeinen so, aber der ein oder andere von euch, weiß, was mit mir passiert, wenn etwas mal nicht so ganz klappt, wie ich mir das vorher vorgestellt habe… nunja, Philipp war tapfer und hat meine schlechte Laune ertragen.
So ihr Lieben, mehr fällt mir grad nicht ein, jetzt habt ihr wieder ein paar Infos über Land und Leute und ein nettes Anekdötchen zum Schluss.
Ich drück euch, machts gut, passt auf euch auf,




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