Dienstag, 17. März 2009

Hasta la victoria siempre

Es ist geschafft, am vergangenen Sonntag fanden die Präsidentschaftswahlen statt, auf die wir alle und vor allem das Salvadorianische Volk so lange hingefiebert haben. Nach zwölf Jahren Bürgerkrieg und 20 Jahren rechtskonservativer Pseudodemokratie hat sie die linke FMLN, die nach dem Krieg aus der Guerillaorganisation hervorging, in demokratischen Wahlen gegen die rechtskonservative ARENA Partei durchgesetzt. Es blieb bis zum Schluss spannend, denn ARENA hat in den Wochen vor der Wahl eine massive Angstkampagne gefahren, die die Bevölkerung verunsichern sollte. Im Falle eines Sieges der FMLN sei El Salvador Hugo Chaves und Raul Castro, den linken Führern aus Venezuela und Cuba ausgeliefert, Arbeitsplätze würden verloren gehen und das Land den Anschluss an die Weltwirtschaft verpassen. Dazu muss man wissen, dass nur etwa 45 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ihr Geld mit formeller Arbeit verdient, der Rest verdient seinen Lebensunterhalt auf informellem Wege, das heißt zum Beispiel im Straßenverkauf. Von den 45 Prozent die eine formelle Arbeit, also mit regelmäßiger Lohnauszahlung, Krankenversicherung und Weihnachtsgeld haben, kann wiederum nur ein Teil mit nur einem Job auch seine Familie ernähren. Dann wollen sie den Anschluss an die Weltwirtschaft nicht verlieren… El Salvador produziert so gut wie nichts und exportiert entsprechend auch fast nichts, das wichtigste Exportmittel El Salvadors sind seine Arbeitskräfte in die USA, die meisten davon illegal. Nun, so könnte ich weiter schreiben, aber wieder zurück zum eigentlichen Thema.
In den Tagen vor der Wahl schien alles wieder offen, das Vorsprungspolster der FMLN von mal sechzehn Prozent war geschrumpft, nachdem sich zwei weitere Parteien aus dem Wahlkampf verabschiedet haben und ihre Stimmen der ARENA zusicherten. Am Sonntagmorgen war also alles offen und beide Kandidaten schritten siegessicher zur Urne.
Philipp und ich haben uns in der letzten Woche eine offizielle Akkreditierung bei der obersten Wahlaufsichtsbehörde besorgt, die sich nach meinem Geschmack übrigens ein bisschen zu gut mit der ARENA verstand…, internationale Beobachtung ist also notwendig.Ausgestattet mit einem internationalen Beobachterausweis und dem begrenzten Recht auf freie Meinungsäußerung bis zum 31. März, machten wir uns Sonntagmorgen zusammen mit unseren Familien auf den Weg nach Jiquilisco.


Jeder Bürger muss in seiner ‚Kreisstadt’ wählen, was im Fall der Menschen aus dem Bajo Lempa das etwa 30km entfernte Jiquilisco ist. Dort ist jeder einer von ca. 70 Urnen zugeteilt und die erste große Aufgabe besteht darin, seine Urne zu finden. Ist einem das gelungen darf man mit seinem Personalausweis einen Wahlzettel beantragen, sein Kreuzchen machen, danach kurz unterschreiben, dass man seinen Ausweis auch wiederbekommen hat, noch kurz den Finger in Sicherheitsfarbe tauchen, die die Fingerspitze für etwa zwei Wochen schwarz färbt, Wahlzettel in die Urne und fertig.


Das Ganze nimmt dann etwa 3-4 Stunden in Anspruch. An jeder Urne sitzen vier Wahlhelfer, von denen nach Möglichkeit zwei ARENA und zwei FMLN Anhänger sind und zwei Vigilantes, Wächter, jeweils einer von jeder Partei. Um fünf Uhr war dann endlich schluss, nachdem der Tag eher schleppend verging wurde es dann endlich spannend. Das Wahllokal, übrigens der Gemeindepark von Jiquilisco wurde geschlossen und alle mussten es verlassen, alle Wahlhelfer, Vigilantes



und internationale Beobachter durften bleiben. Die Stimmauszählung an jeder Urne begann und es war unglaublich still, außer den zählenden Wahlhelfern war nicht viel zu hören. Irgendwann der erste Jubelschrei aus einer Ecke des Parks, gelfolgt von der jubelnden Menge hinter den Zäunen. Immer mehr und mehr und langsam wurde klar, die FMLN hat an allen 70 Urnen in Jiquilisco gewonnen.



Schon bald kam dann die Nachricht, die linke habe 7 von 14 Departamentos gewonnen, 3 verloren und vier seien noch offen. Der Wahlsieg war zum ersten Mal greifbar nah. Dann irgendwann nach Hause vor den Fernseher und um halb zehn schritt der Kandidat der FMLN, Mauricio Funes vor die Kamera und erklärte sich zum Wahlsieger, nachdem etwa 90% der Stimmen ausgezählt waren und die übrigen 10% die drei Prozentpunkte Unterschied zwischen Funes und Avila der ARENA nicht mehr ausreichten um den Vorsprung noch aufzuholen.
Ich kann nur schwer in Worte fassen, was das für die Menschen hier im Bajo Lempa und im ganzen Land bedeutet, aber sie haben wieder Hoffnung und diesmal ist es der ARENA nicht mehr gelungen diese Hoffnung durch massive Angstmache zu zerstören, ein großes Ereignis in der Geschichte dieses so kleinen Landes. Erst um elf trat der Gegenkandidat Avila, übrigens früherer Polizeichef El Salvadors, vor die Kameras und erkannte seine Niederlage an. Seiner Partei kommt zum ersten Mal die Rolle der Oppositionsführung zu, lange Gesichter beim singen der Parteihymne. Aktuelles Ergebnis nach Auswertung von 99,38% der Stimmen: ARENA: 48,70%, FMLN: 51,30%. Offizielle Regierungsübergabe ist am ersten Juni. Von internationaler Seite ist die Wahl als Fair bezeichnet worden, aber ein Freund aus San Salvador rief mich Sonntagmorgen an um mir zu erzählen, dass sie in der Nacht in seiner Nachbarschaft einen Raum voller Nicaraguer entdeckt haben, ausgestattet mit Salvadorianischen Personalausweisen. Das kommt davon wenn man die Behörde, die die Personalausweise ausstellt privatisiert und der Vorsitzende der nationalen Wahlaufsichtsbehörde bekennendes ARENA Mitglied ist.

Was ist noch passiert. Meine beiden Freundinnen Imke und Vera aus Münster und Köln waren da, haben mich besucht und wir sind zwei Wochen durchs Land gereist und haben noch einen kleinen Abstecher nach Guatemala gemacht. Eine Woche bevor es auf Reise ging fand die zweite Caminata por la vida statt, der Lauf fürs Leben, wovon ich euch schon in meiner letzen Rundmail erzählt hatte.


Bei 40° in der Sonne über die Landstraße und Autobahn sind etwa 150 Menschen aus dem Bajo Lempa innerhalb von vier Tagen in die Hauptstadt gelaufen um dort ihr Recht auf ein würdigeres Leben einzufordern. Am Abend des vierten Tages kamen sie in San Salvador an um am nächsten Morgen ihren Weg zur Präsidentschaftsresidenz fortzusetzen und dort einen Brief zu hinterlassen. Auf diesem Weg wurden sie von etwa 3000 Menschen begleitet, die aus dem Bajo Lempa und anderen Regionen des Landes anreisten, wurden aber auf halber Strecke von einer Polizeisperre aufgehalten. Auch die nationale, von der Regierung kontrollierte Presse hielt sich mit ihrer Berichterstattung zurück, sodass lediglich auf einem Fernsehkanal und in einer mehr oder weniger unabhängigen Zeitung von der Caminata berichtet wurde, was dem Ereignis einfach nicht gerecht wurde.
Nach der Caminata, während der Philipp, Imke und ich etwa 800km mit dem Auto zurückgelegt haben um Mahlzeiten zu organisieren und zu liefern gings dann in den Urlaub.

Wir waren in Suchitoto, ein kleines Städtchen am Ufer eines Sees im Norden, indem der ursprüngliche Kolonialstil des Landes noch erhalten ist.



Von da aus weiter nach Santa Ana, eigentlich eine gewöhnliche Stadt aber mit einer wunderschönen teils im gotischen Stil erbauten Kathedrale. Von dort nach Guatemala, noch mal nach Antigua



und auf den Pacaya und drei Tage später wieder zurück, diesmal an den Lago Coatepeque, ein Kratersee, an dem ich ganz zu beginn meines Jahres schon einmal mit Christian, unserem Vorgänger war. Vom See aus ein Tagesausflug nach Chalchuapa, Tazumal, wo es eine Ausgrabung eines Mayatempels zu sehen gibt.


Dann aus dem Westen einmal quer durchs Land in den Nordosten nach Morazan. Morazan und Chalatenango sind die im Bürgerkrieg am meisten umkämpften Departamentos. Die Mehrheit der Menschen im Bajo Lempa kommt ursprünglich aus diesen Gebieten und wurde nach dem Krieg, den sie in Flüchtlingslagern in Honduras und Nicaragua verbrachte im Bajo Lempa angesiedelt.
In Morazan haben wir uns mit unseren Freunden aus San Salvador getroffen und die Nacht am Fluss Torola verbracht,




bevor es dann am nächsten Tag nach Perquin ins Museum der ehemaligen Guerillabewegung ging. Von Perquin aus dann weiter an den Strand, zwei Tage Strand und weiter nach San Salvador. Einen Abend mit Imkes Kartofelpüree bei unseren Freunden, ein trauriger Abschied, eine Nacht im Hotel und am nächsten morgen zum Flughafen. Eine Reise im Zeitraffer, aber ich glaube die Fotos können noch mehr erzählen.
So meine Lieben, ihr seid auf dem neuesten Stand, ich werde mein Recht auf freie Meinungsäußerung, das ich noch bis zum 31. März habe, nutzen und den Text erstmal im Blog veröffentlichen.