Montag, 17. November 2008

Von Weihnachtsbäumen und kulinarischen Köstlichkeiten


Die letzte Info habe ich zusammengekauert unter meinem Mückennetz bei strömendem Regen geschrieben, daran ist jetzt schon nicht mehr zu denken. Seit gut zweieinhalb Wochen ist Sommer, als hätten wir den nicht schon vorher gehabt, subjektiv wenigstens. Irgendwann hats nachts noch mal kräftig gewittert und am nächsten Morgen war es überraschend kühl, es wehte eine kühle Brise und beim Frühstück sagte mir mein Gastvater: So Uli, jetzt ist Sommer. Ich hab das nicht so ganz geglaubt, weil wie soll denn bitte von heute auf morgen der Sommer kommen, aber er hat Recht behalten. Seitdem hat es nicht mehr geregnet, die letzten Pfützen trocknen noch, die Straßen haben sich zu Staubschleudern verwandelt und ich verpacke meine sauberen Klamotten in Kisten, damit sie nicht tagsüber zustauben. Was soll ich sagen, wir sind den alljährlichen Überschwemmungen mit Glück entkommen und weil, so sagt man, nun die zwei schönsten Monate vor der Türe stehen haben auch alle Schulen und Kindergärten jetzt Sommerferien, könnt ihr euch wahrscheinlich nur schlecht vorstellen, aber wie es so ist, man will immer das, was man grade nicht hat. Wettertechnisch ist hier jeder Tag gleich und manchmal wünsche ich mir einen grauen, nasskalten Novembersonntag, an dem man nichts, aber auch gar nichts vor hat, Zuhause im Wohnzimmer sitzt, sinnlos Kaffee, Kuchen und lauter andere ungesunde Sachen in sich reinschaufelt, Kerzen brennen und man in eine Decke gemümmelt ein gutes Buch lesen oder fernsehen kann.
Apropos Fernsehen: Ich bin vor anderthalb Wochen endlich aus dem Gästehaus ausgezogen. Habe am Ende gemerkt, dass es auch allerhöchste Eisenbahn wurde. Bin in eine Gastfamilie in die Comunidad Amando Lopez gezogen, die etwa 10km von Nueva Esperanza entfernt ist und ich merke, dass es mir gut tut, einerseits getrennt von Philipp, also gezwungen den ganzen Tag spanisch zu sprechen und andererseits kann ich endlich tiefer ins Leben und in die Kultur der Menschen hier eintauchen. Meine Family entspricht nicht so ganz der typischen Salvadoreanischen Familie, sie besteht nämlich nur aus Vater - Dore, Mutter - Mabel und einem dreijährigen Sohn namens Ernesto.

Mabel ist nur ein paar Monate älter als ich, was sich schon ein wenig seltsam anfühlt, denn ich bin einfach eine absolute Haushaltsinvalidin, wenn es um den salvadoreanischen Haushalt geht und für absolut nichts zu gebrauchen, aber Mabel hat Nachsicht und hat mich als Azubi eingestellt. Und so lerne ich jetzt Feuer machen, Mais und Bohnen auf dem Feuer zu kochen, Mais zu mahlen, Tortillateig zu machen, Tortillas zu machen…. Das sag ich euch, es sieht so einfach aus, aber es ist eine Wissenschaft für sich. Tortillas sind CD große Teigfladen, die es einfach zu jeder Mahlzeit gibt, und bestehen aus gekochtem und dann gemahlenem Mais, also quasi aus Mais und Wasser, wobei man dem Teig kein Wasser mehr zufügen muss. Der gekochte Mais wird einfach gemahlen und dann geknetet. Bis dahin soweit so gut, aber dann: Man mache aus einem Teighaufen eine CD große Tortilla, erst ein bisschen platt drücken, dabei immer schön zwischen den Fingern drehen, soll ra rund werden und kein Ei, dann die linke Hand anfeuchten, aber nicht zu viel, sonst werden es Schuhsohlen, dann Fladen in die linke Hand und mit der rechten leicht plattklopfen und dabei im Kreis drehen, ohne dass der Teig einreißt. Na, alles klar? Bei mir so wenig wie bei euch. Wo wir schon grade beim Essen sind, so viele von euch haben mich gefragt, was es eigentlich so zu essen gibt und das könnte ich an dieser Stelle ja mal kurz beantworten. Also Hauptnahrungsmittel sind: Mais in allen Variationen, das heißt als Tortilla, als gekochter Kolben, als Tamales, irgendwie auch Maisteig, aber noch hab ich keinen Plan wies funktioniert, als Fresco – so was wie Limonade oder auch als atol – dickflüssiges Maismehlgetränk mit Klümpchen und relativ salzig, nicht so mein Favorit ist ganz furchtbar mächtig, gibt’s aber auch aus Cashewkernen und das schmeckt dann schon wieder ganz anders. Ja, der Mais, dicht gefolgt von Reis und roten Bohnen, Bohnen mal als Pampe, mal als Suppe, vereint mit Reis dann auch Hochzeit – Casamiento genannt. Dann Eier: Spiegelei, Rührei mit oder ohne Gemüse, hartgekochtes Ei, Omelette… und wie einige von euch vielleicht wissen, hab ich vorher keine Eier gegessen… Wenn ich heute nach Hause komme und so n leckeres Spiegelei auf meinem Teller finde, freu ich mich schon drüber.
Ja also dann das Fleisch: Also es gibt nicht sonderlich häufig Fleisch, weil es einfach relativ teuer ist, für mich aber grundsätzlich erst mal von Vorteil, bin ja nicht so die große Fleischesserein, hatte ja sogar überlegt, ob ich hier allen erzählen soll, ich sei Vegetarierin, hab mich dann aber bei meiner ersten Gastfamilie bei der ich in Nueva Esperanza gegessen habe, dagegen entschieden und auf die Frage hin, was ich denn nicht mag nur gesagt, ich mag keinen Fisch. So fing die Quälerei an. Ein Ei, das nächste Ei, Fleisch mit ganz viel Knochen Fett und undefinierbaren Strukturen, aber ich musste feststellen, man gewöhnt sich an Alles. Bis ich auf einmal eines Mittags in ein Stück Fleisch beiße und denke, hm na ja schmeckt komisch, ein bisschen wie Wild, nee das kanns nicht sein, gibt’s hier nicht so viel von und ist viel zu teuer. Ok, was könnte es sonst sein? Letzte Woche wurde ne Kuh geschlachtet, es muss was von der Kuh sein. Fragen, oder erst aufessen? Ulrike, erst aufessen. Aufgegessen, sag mal Niña Santos, was war das für ein Fleisch? Ja, das war Zunge und Herz von der Kuh, lecker nicht? Eh, ja, sehr =) Hab meinen Teller gespült und bin ein kleines Bisschen stolz nach Hause gegangen. Anderer Tag, wieder undefinierbares auf dem Teller. Fragen, oder essen? Fragen, bin ja jetzt schon mutiger. Ja, das ist Hühnchenmagen und Hühnchenleber. Ok, der Magen war gar nicht so übel aber die Leber… nun ja, egal.
Dann, anderer Tag, mittags um halb fünf: Uli, Philipp, wir gehen fischen, kommt ihr mit, ja klar. Irgendwie quer durch die Felder durch knietiefen Matsch und strömenden Regen, 20 Minuten oder so, bis zum Fluss. Ich dachte mir schon um sechs wird’s dunkel, wir sind zum Abendessen sicher nicht zurück. Ja, am Fluss, kleine Holzhütte, braten wir doch den Fisch, den wir gefangen haben. Ehm ja, ich mag doch eigentlich keinen Fisch, hab aber Hunger, also probieren wirs mal…. Und was muss ich feststellen: Es schmeckt. Nach dem Fisch ne Garnele hinterher. Überlebt, zurück nach Hause. Meine Gastmutter hat mitbekommen, dass ich angeln war: Und hat der Fisch geschmeckt? Ja, hat er. Wie gut, dann kannst du ja nächstes Mal wenn ich Fisch koche auch Fisch essen. Ja, mach ich. Was soll ich sagen, der Fisch haut mich noch nicht vom Hocker, aber ich kann ihn essen, wenn auch ich nach wie vor vorsichtig bin.
Anderer Tag, Uli, Philipp, habt ihr Lust mit zu ner Versammlung nach Jiquilisco zu fahrn? Klar, haben wir. Wir sitzen im Auto und fahren an der Ausfahrt nach Jiquilisco vorbei. Das kann nur einen Grund haben, wir müssen noch Getränke kaufen. Naja, fast. Ab in die nächste Outdoorbar und statt Versammlung acht Bier zum Preis von sieben, inclusive Snackplatte mit Hühnchen, Fisch und seltsamen Eiern. Was sind das für Eier? Das, ach das sind rohe Schildkröteneier, wollt ihr mal probieren? Ehm, noch zwei Bier, dann vielleicht. Man mache mit den Fingernägeln ein kleines Loch in die relativ elastische Schale und schütte Salz und Limone rein und dann: Aussaugen. Nach wie vor scheußlich und denke ich nüchtern daran, dann denke ich immer noch, wie konnte ich das tun, aber es ging und so hatte ich drei davon, zwei so und eins im Bier. Außerdem gabs Krebssuppe. Kleines Töpfchen mit einem ganzen Krebs drin. Ich die Suppe, Philipp den Krebs. Passte nicht ganz in seinen Mund, sodass noch ein Scherchen herausguckte und übrig blieb. Was soll ich sagen, man kann mir mittlerweile nahezu alles vorsetzen, ich werde es probieren, was nicht heißt, dass es mir schmeckt, aber ich muss auch zugeben, dass ein Grossteil reine Gewöhnungssache ist. Das Frühstück am allerersten Morgen im Hotel bestand aus gebratenen Bananen, Rührei, Bohnenpampe und Pan francaise – weißpappe, tipico eben. Und es war eine echte Herausforderung für mich und ich habe mich gefragt, wie ich das jemals schaffen soll. Gibt es heute dieses Frühstück, denk ich mir: Ein perfekter Start in den Tag. Soviel zum Essen =)
Ansonsten habe ich irgendwie zu viel Arbeit, merke ich muss das reduzieren, mir zum mindest die Wochenenden freischaufeln um ein bisschen mehr Zeit für mich und die Dinge zu haben, die ich einfach nur für mich machen will. Ist ein bisschen blöd, Samstagsmorgens liegt eigentlich der Ballettunterricht, aber das ist jetzt meine Aufgabe, diesen zu verschieben, das wird nicht angenehm, will ja eigentlich keinem auf die Füße treten, aber es muss sein. Ansonsten läuft das mit dem Ballett noch nicht ganz so wie ich es mir vorstelle. Der ursprüngliche Plan war, alle zwei Wochen nach San Salvador zu einer Tänzerin zu fahren und ich unterrichte dann in der Zwischenzeit, was die gute Frau uns beigebracht hat.


Ich mach das jetzt schon vier Wochen und wir waren noch nicht einmal bei der guten Frau, auch wenn die Mädels einmal hingefahren sind. Ich habe mich geweigert, weil der andere Typ mit dem ich das zusammen mache, versucht hat, 20 Mädels in einen Pickup zu stopfen. 10 in den Innenraum, wo Platz für fünf ist und 10 auf die Ladefläche. Ich habe dann entschieden zuhause zu bleiben, weil es in meinen Augen einfach zu gefährlich war. Ohne mich konnten wenigstens alle vernünftig auf der Ladefläche sitzen und nicht auf dem Geländer. Dazu muss man wissen, dass es bis San Salvador 1,5 Stunden mehr oder weniger Autobahn sind. Ende vom Lied war allerdings auch, dass die Lehrerin am Ende doch keine Zeit hatte und die Mädels sich umsonst fast zu Tode gequetscht haben.



Ansonsten waren wir noch auf dem zweiten Teil des Kulturaustausches in der Hauptstadt, wo das wunderprächtige Foto vom Anfang entstanden ist. Nächste Woche veranstalte ich dann den 4,5 Stunden Workshop zum Thema HIV – AIDS. Ach ja, da fällt mir noch was ein. Ich hab vor ungefähr drei Wochen eine kleine Präsentation zum selben Thema vor etwa 20 mehr oder weniger Erwachsenen gehalten. Am Ende habe ich dann gefragt, ob sie wissen möchten, wie man korrekt ein Kondom benutzt und wollte es ihnen zeigen, hatte auch einen riesen Karton zum verschenken dabei, aber sie wollten es einfach nicht wissen. Alicia, meine Cheffin hats dann noch mal mit einem etwas adäquateren Spanisch versucht, aber nichts zu machen. Ich war ganz schön sprachlos. Auch stellte sich raus, dass sie nichts von dem was wir ihnen erzählt haben, behalten haben, denn sie konnten keine einzige Frage beantworten, obwohl wir die Antworten ein paar Minuten vorher auf dem Silbertablett präsentiert haben. Alter Schwede, das hat mich ganz schön nachdenklich gestimmt. Aber ich habe die Hoffnung, dass es nächste Woche schon ein bisschen anders aussieht, lassen wir uns überraschen…. Und da kommt keiner am Kondomabwickeln vorbei, alle müssen ran =)
Was gibt’s noch, ach ja Weihnachtsdekoration, ich lass das mal unkommentiert, aber diese Fotos sind im Oktober in einem Einkaufszentrum in San Salvador entstanden, in diesem Sinne eine frohe Adventszeit.


Wo wir gerade bei Weihnachtsbäumen sind. Ich habe mir den vergangenen Samstagvormittag freigeschaufelt, weil Philipp und ich ne runde einkaufen gehen wollten. Bevor wir uns aber ins chaotische Markttreiben von Usulutan stürzen konnten, haben wir noch kurz einen Abstecher nach Jiquilisco gemacht, wo bei der Post ein Paket darauf wartete von Philipp abgeholt zu werden. Nun ja, wir viel zu früh, erst mal ausgiebig frühstücken. Dann zur Post. Der Postbeamte holt unter dem Tresen ein etwa ein Meter langes Paket hervor, offensichtlich gehörte der Karton mal einem Plastikweihnachtsbaum. Ich muss grinsen. Nachdem alle Formalitäten geklärt sind, stellen wir fest, das Paket passt nicht in den Rucksack, also auspacken und den Inhalt mitnehmen. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen im Stadtpark von Jiquilisco und Philipp packt sein Paket - übrigens von seinen Großeltern - aus. Ja was soll ich sagen, nicht immer das was draufsteht ist auch drin... aber in diesem Fall schon. Philipp ist stolzer Besitzer eines Plastikweihnachtsbaumes zum zusammenstecken, ein bisschen größer als ein Meter und wenn man die Nadeln zurechtzupft macht er schon was her =)
Ich kann nur sehr schwer beschreiben, was der Erkenntnis, dass es sich um die Originalverpackung handelt - was Philipp und ich vorher, aufgrund absoluter Absurdität nicht mal annähernd in Betracht gezogen hätten - folgte, aber wer meine Lachanfälle kennt, weiß Bescheid. Nun ja, was tun, hierlassen, nein das geht nicht, also ausgepackt in den Rucksack stopfen und mitnehmen. Passte nicht ganz, weshalb die Baumspitze den ganzen Tag aus seinem Rucksack guckte, übrigens im Geschäft um die Ecke gabs Plastikbäume für 5 Dollar.



Philipps Baum fehlt noch die Deko, aber sonst absolut Konkurrenzfähig.


So, ihr Lieben, Mitte Dezember gibt’s wieder Neues aus El Salvador.
Ich drücke euch feste und hoffe, es geht euch gut und schick euch ein paar Sonnenstrahlen in den grauen November.
Bis bald.