Freitag, 15. Mai 2009

Von Osterwoche und Schweinegrippe

Ich will nix von Schweinegrippe berichten, gibt auch nicht viel, nur dieses Foto und lasse es unkommentiert.


Es wird mehr als Zeit für einen neuen Blogeintrag, nachdem ich mich im April gar nicht gemeldet habe. Das tut mir leid. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch mal für die zahlreichen Geburtstagsgrüße bedanken, die ich nicht alle beantwortet habe, was mir noch viel mehr leid tut und mir ein schlechtes Gewissen macht und ich hoffe sehr, alle die mir geschrieben haben nehmen es mich nicht übel.

Ja wo fange ich an, der letzte Eintrag ist von Mitte März, vielleicht mache ich einfach da weiter, wo ich aufgehört habe. Meine beiden Freundinnen haben sich am 13. März auf den Rückweg nach Deutschland gemacht und der Abschied am Flughafen war ein kleiner Vorgeschmack auf meinen eigenen Abschied, der mir in schon weniger als drei Monaten bevorsteht. Als ich Imke und Vera weggebracht habe, wäre ich schon gerne mit geflogen, nur um euch alle mal kurz wieder zu sehen, andererseits habe ich hier noch so viele Pläne und ich weiß jetzt schon, dass die Zeit nicht mehr reichen wird um sie alle in die Tat umzusetzen.

Ende März bin ich umgezogen, wieder zurück in die Gemeinde Nueva Esperanza in eine neue nette Familie, ansonsten alles wie immer mit Ballettunterricht



Workshops zu HIV und Diabetes und plötzlich war der April da. In der Woche vor Ostern, der Semana Santa, hatte ich eine Woche Urlaub, die ich bei Freunden in San Salvador verbracht habe, von denen ich euch einfach mal ein paar Fotos anhänge.


Osterfreizeittag fuer Kinder der Gemeinde La Canoa am Fluss,

mit ganz viel Spiel Spass und Spannung


Ausflug in die Berge


Alfombra - Jedes Jahr an Karfreitag finden nach der Daemmerung Prozessionen im ganzen Land statt. Dabei ist es tradition Biblische Geschichten in Form von grossen Bildern auf die Strasse zu malen. Entweder mit Sald und Saegespaenen gestreut oder so wie hier auf Salzteig gemalt. Diese fuenf Bilder haben einige Kunststudenten und Freunde von mir in der Nach von Donnerstag auf Freitag in etwa 17 Stunden Arbeit gemalt.


Die Kuenstler.... naja fast, ich hab nur Farben gemischt =)


Und dann kommt schliesslich die Prozession und in weniger als 10 Minuten ist die Arbeit einer ganzen Nacht zerstoert...



Ein Tag mit Freunden am Meer


Dann in der Woche danach mein Geburtstag mit Überraschungsparty bei unseren Freunden in San Salvador, mit Piñata, Schokotorte und lustigen Spielen.

Eine Piñata ist eine mit Bonbons gefuellte Figur aus Pappmachée, die man mit verbundenen Augen kaputtschlagen muss, bis die Bonbons rausfallen. Sie haben extra eine vom kleinen Tiger anfertigen lassen, weil ich mal gesagt hab, dass ich Janosch mag...


Geburtstagsueberraschung bei meiner Familie, bei der ich von November bis Maerz gewohnt habe.

Der Geburtstagskuchen landet uebrigens zur Haelte immer im Gesicht des Geburtstagskinds.


In der Woche danach habe ich mich im Nationalen Krankenhaus ‚Hospital Rosales’ um eine Famulaturstelle beworben und unkompliziert wie die Salvadoreños nun mal sind konnte ich nachdem ich Freitags meinen Lebenslauf abgegeben hatte, Montags drauf anfangen und arbeite jetzt seit Ende April in der Chirurgie. San Salvador hat vier nationale Krankenhäuser, das heißt Krankenhäuser für nicht versicherte Menschen, die von der Regierung unterhalten werden. Ein Kinderkrankenhaus, eine Frauenklinik, eine Psychiatrische Klinik und das allgemeine Krankenhaus in dem ich nun arbeite. Es gibt eine Kranken- und Sozialversicherung in der du versichert bist, wenn du eine formelle Arbeit hast und dann noch das Glück, dass dein Arbeitgeber dich versichert. Das trifft auf etwa 40% der Bevölkerung zu, das heißt, dass 60% nicht versichert sind. Diese 60% verteilen sich im Falle ernsthafterer Erkrankungen auf die nationalen Krankenhäuser, von denen es wie gesagt 4 in der Hauptstadt gibt, die auch zugleich die Lehrkrankenhäuser der nationalen Universität sind, zudem gibt es in den Hauptstädten der größeren Departamentos (vgl. Bundesländer) weitere. Bereits am ersten Tag sagt mir die Ärztin, der ich zugeteilt bin, dass die beiden Wörter die ich wohl am häufigsten hören werde ‚no hay – gibt es nicht’ sein werden und sie weiß wovon sie spricht. Im OP gibt es zum Beispiel ein Laparoskopieset. Ist das besetzt, wird eine Entfernung der Gallenblase, normalerweise ein relativ unaufwendiger Laparoskopischer Eingriff, der nur zwei kleine Narben auf der Bauchdecke hinterlässt, bei geöffneter Bauchdecke gemacht.

Es gibt nicht genügend Beatmungsmaschinen und Betten auf der Intensivstation, um alle Patienten, die eine Beatmung brauchen zu versorgen. Beatmet wir auf normalen Stationen mit Beatmungsbeuteln, von Hand.

Die Notaufnahme hat die zwei Schockräume für Schwerverletzte in denen bis zu acht Patienten gleichzeitig behandelt werden können, aber es gibt kein Notstromaggregat. Das heißt, es gibt eins aber es funktioniert nicht und es ist kein Geld da um es zu reparieren. Stromausfälle sind aber fast an der Tagesordnung, sodass wir in meinem ersten Nachtdienst, als das erste Wintergewitter der Jahres uns den Strom nahm, die Patienten in der Notaufnahme auf dem Boden verteilen mussten, weil nicht genügend Platz für das erforderliche Personal war, dass die Maschinen ersetzen musste, ausgerüstet mit Taschenlampe und Beatmungsbeuteln. Dann gibt es für die Notaufnahme und den gesamten Ambulanzbereich ein einziges antiquarisches EKG, das aufgrund seines Alters nicht vom ganzen Personal bedient werden darf und kann.

Die meisten Gebäude sind vor 107 Jahren von der französischen Regierung gespendet worden, es gibt einigere neue Gebäudekomplexe, die OPs und die Notaufnahme wurden vor nicht allzu langer Zeit von Japan gestiftet. Ebenfalls hat man auf dem Gelände des Krankenhauses vor etwa 15 Jahren ein neues vierstöckiges Gebäude gebaut mit Vollausstattung, Klimaanlagen und Platz für 200 Betten. Dieses Gebäude steht leer, weil das Krankenhaus Schulden bei der oben erwähnten Versicherungsanstalt hatte und dieses Gebäude eben dieser überlassen hat, um seine Schulden zu begleichen. Die Versicherung ist aber vor etwa zwei Jahren aus diesem Gebäude ausgezogen und hat die vollständige Einrichtung mitgenommen. Heute wird das Gebäude nicht benutzt, weil das Geld für Equipment und die Reparation der defekten Aufzüge fehlt.

Vor etwa einem Jahr, wurden 19 Mio. Dollar für den Neubau der Frauenklinik aus dem Ausland gespendet. Dieses Geld ist verschwunden, keiner weiß, wo es ist und die Zustände dort müssen noch wesentlich schlimmer sein.

Die häufigsten Krankheiten, die in der Chirurgie behandelt werden sind Gallenwegserkrankungen, Blindarmentzündungen und Tumoren. Bei den weiblichen Patienten. Auf der Männerchirurgischenstation liegt die Mehrzahl der Patienten dort mit Schuss- oder Stichwaffenverletzungen, sowie Traumata durch Verkehrsunfälle. Anhand von Röntgenbild, Eintritts und Austrittsstelle des Projektils kann man ziemlich genau auf Waffe und Schussentfernung zwischen Schütze und Opfer schließen, was mich am Anfang sehr verblüfft hat und ich mittlerweile froh bin, dass ich mit diesem Wissen in Deutschland nicht allzu viel werde anfangen können. Während der Arbeit trifft man immer wieder auf Einzelschicksale, die einen nicht mehr loslassen. Ein 13 jähriger Junge, der vom Taxi angefahren wurde und auf die Frage wer sich um ihn kümmere die Antwort schuldig bleibt. Als man ihn fragt, wo er nach seinem Krankenhausaufenthalt leben wird antwortet er: ‚Auf der Straße.’ Die Kinder schnüffeln Klebstoff um Hunger und Kälte nicht zu spüren und rauchen Piedra, Abfall der bei der Kokainproduktion übrig bleibt. Es gibt ein nationales Heim für Straßenkinder, aber man sagt, dass es den meisten Kindern da noch schlechter geht, als auf der Strasse

Für viele dieser Kinder ist eine Marabande oft der letzte Zufluchtsort, der letzte Ausweg wo sie sich plötzlich wieder aufgehoben fühlen, eine Perspektive sehen. Es gibt zwei große Marabanden, die Mara 13 und die Mara 18, die sich gegenseitig bekriegen. Um dort aufgenommen zu werden muss die Aufnahmeprüfung bestanden werden, die im Falle eines männlichen Kandidaten darin besteht sich entsprechend 13 oder 18 Sekunden den übrigen Mitgliedern auszuliefern, sich schlagen und treten zu lassen. Was auf weibliche Kandidatinen wartet muss ich glaube ich nicht formulieren. Schaut man in die Statistiken des Auswärtigen Amtes ist El Salvador das gefährlichste Land Mittelamerikas, was an der durchschnittlichen Mordrate von 10 Toten pro Tag festgemacht wird, wobei die Opfer vorwiegend unter den Maras zu suchen sind, oder Menschen, die versucht haben, sich mit diesen anzulegen. Eben diese Patienten finden wir schließlich in der Notaufnahme, wo man bei der Beatmung eines schätzungsweise Mitte zwanzigjährigen dem man die Waffe an die Schläfe gehalten und abgedrückt hat, sehr viel Zeit hat über Sinn und Wert des Lebens, vor allem aber über die Umstände die diesen jungen Menschen dorthin gebracht haben nachzudenken, bevor er zwei Stunden später stirbt, keiner weiß, wie alt er wirklich war und wie er hieß.

Eigentlich sollte ich an dieser Stelle Schluss machen, aber um nicht nur negatives zu erzählen noch eine kleine Sache. Ich lerne hier so unglaublich viel Diagnostik, viele Dinge, die in Deutschland mal eben schnell mit einem Röntgenbild oder einem Ultraschall abgeklärt werden, müssen hier anders herausgefunden werden. Zwar gibt es Röntgengeräte, sogar ein CT, werden aber viel Zielgerichteter Eingesetzt und am Wochenende und Nachts gibt es keinen Ultraschall. Eine Notaufnahme ohne Ultraschallgerät wäre in Deutschland undenkbar, allein um freie Flüssigkeiten in Brust oder Bauchraum festzustellen, aber es geht eben auch anders. Mir bleiben noch zwei Wochen hier und im nächsten Blog werde ich vielleicht noch ein bisschen mehr berichten, aber ich belasse es jetzt mal an dieser Stelle dabei. Ich schicke euch allen liebe Grüße, macht es gut, die Zeit hier nähert sich mit riesigen Schritten dem Ende, es sind nun noch weniger als drei Monate, bevor ich am 11. August wieder da sein werde.

Bis dahin bzw bis zum nächsten Blog passt auf euch auf,

es drückt euch, Ulle, Ulli, Rike

Dienstag, 17. März 2009

Hasta la victoria siempre

Es ist geschafft, am vergangenen Sonntag fanden die Präsidentschaftswahlen statt, auf die wir alle und vor allem das Salvadorianische Volk so lange hingefiebert haben. Nach zwölf Jahren Bürgerkrieg und 20 Jahren rechtskonservativer Pseudodemokratie hat sie die linke FMLN, die nach dem Krieg aus der Guerillaorganisation hervorging, in demokratischen Wahlen gegen die rechtskonservative ARENA Partei durchgesetzt. Es blieb bis zum Schluss spannend, denn ARENA hat in den Wochen vor der Wahl eine massive Angstkampagne gefahren, die die Bevölkerung verunsichern sollte. Im Falle eines Sieges der FMLN sei El Salvador Hugo Chaves und Raul Castro, den linken Führern aus Venezuela und Cuba ausgeliefert, Arbeitsplätze würden verloren gehen und das Land den Anschluss an die Weltwirtschaft verpassen. Dazu muss man wissen, dass nur etwa 45 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ihr Geld mit formeller Arbeit verdient, der Rest verdient seinen Lebensunterhalt auf informellem Wege, das heißt zum Beispiel im Straßenverkauf. Von den 45 Prozent die eine formelle Arbeit, also mit regelmäßiger Lohnauszahlung, Krankenversicherung und Weihnachtsgeld haben, kann wiederum nur ein Teil mit nur einem Job auch seine Familie ernähren. Dann wollen sie den Anschluss an die Weltwirtschaft nicht verlieren… El Salvador produziert so gut wie nichts und exportiert entsprechend auch fast nichts, das wichtigste Exportmittel El Salvadors sind seine Arbeitskräfte in die USA, die meisten davon illegal. Nun, so könnte ich weiter schreiben, aber wieder zurück zum eigentlichen Thema.
In den Tagen vor der Wahl schien alles wieder offen, das Vorsprungspolster der FMLN von mal sechzehn Prozent war geschrumpft, nachdem sich zwei weitere Parteien aus dem Wahlkampf verabschiedet haben und ihre Stimmen der ARENA zusicherten. Am Sonntagmorgen war also alles offen und beide Kandidaten schritten siegessicher zur Urne.
Philipp und ich haben uns in der letzten Woche eine offizielle Akkreditierung bei der obersten Wahlaufsichtsbehörde besorgt, die sich nach meinem Geschmack übrigens ein bisschen zu gut mit der ARENA verstand…, internationale Beobachtung ist also notwendig.Ausgestattet mit einem internationalen Beobachterausweis und dem begrenzten Recht auf freie Meinungsäußerung bis zum 31. März, machten wir uns Sonntagmorgen zusammen mit unseren Familien auf den Weg nach Jiquilisco.


Jeder Bürger muss in seiner ‚Kreisstadt’ wählen, was im Fall der Menschen aus dem Bajo Lempa das etwa 30km entfernte Jiquilisco ist. Dort ist jeder einer von ca. 70 Urnen zugeteilt und die erste große Aufgabe besteht darin, seine Urne zu finden. Ist einem das gelungen darf man mit seinem Personalausweis einen Wahlzettel beantragen, sein Kreuzchen machen, danach kurz unterschreiben, dass man seinen Ausweis auch wiederbekommen hat, noch kurz den Finger in Sicherheitsfarbe tauchen, die die Fingerspitze für etwa zwei Wochen schwarz färbt, Wahlzettel in die Urne und fertig.


Das Ganze nimmt dann etwa 3-4 Stunden in Anspruch. An jeder Urne sitzen vier Wahlhelfer, von denen nach Möglichkeit zwei ARENA und zwei FMLN Anhänger sind und zwei Vigilantes, Wächter, jeweils einer von jeder Partei. Um fünf Uhr war dann endlich schluss, nachdem der Tag eher schleppend verging wurde es dann endlich spannend. Das Wahllokal, übrigens der Gemeindepark von Jiquilisco wurde geschlossen und alle mussten es verlassen, alle Wahlhelfer, Vigilantes



und internationale Beobachter durften bleiben. Die Stimmauszählung an jeder Urne begann und es war unglaublich still, außer den zählenden Wahlhelfern war nicht viel zu hören. Irgendwann der erste Jubelschrei aus einer Ecke des Parks, gelfolgt von der jubelnden Menge hinter den Zäunen. Immer mehr und mehr und langsam wurde klar, die FMLN hat an allen 70 Urnen in Jiquilisco gewonnen.



Schon bald kam dann die Nachricht, die linke habe 7 von 14 Departamentos gewonnen, 3 verloren und vier seien noch offen. Der Wahlsieg war zum ersten Mal greifbar nah. Dann irgendwann nach Hause vor den Fernseher und um halb zehn schritt der Kandidat der FMLN, Mauricio Funes vor die Kamera und erklärte sich zum Wahlsieger, nachdem etwa 90% der Stimmen ausgezählt waren und die übrigen 10% die drei Prozentpunkte Unterschied zwischen Funes und Avila der ARENA nicht mehr ausreichten um den Vorsprung noch aufzuholen.
Ich kann nur schwer in Worte fassen, was das für die Menschen hier im Bajo Lempa und im ganzen Land bedeutet, aber sie haben wieder Hoffnung und diesmal ist es der ARENA nicht mehr gelungen diese Hoffnung durch massive Angstmache zu zerstören, ein großes Ereignis in der Geschichte dieses so kleinen Landes. Erst um elf trat der Gegenkandidat Avila, übrigens früherer Polizeichef El Salvadors, vor die Kameras und erkannte seine Niederlage an. Seiner Partei kommt zum ersten Mal die Rolle der Oppositionsführung zu, lange Gesichter beim singen der Parteihymne. Aktuelles Ergebnis nach Auswertung von 99,38% der Stimmen: ARENA: 48,70%, FMLN: 51,30%. Offizielle Regierungsübergabe ist am ersten Juni. Von internationaler Seite ist die Wahl als Fair bezeichnet worden, aber ein Freund aus San Salvador rief mich Sonntagmorgen an um mir zu erzählen, dass sie in der Nacht in seiner Nachbarschaft einen Raum voller Nicaraguer entdeckt haben, ausgestattet mit Salvadorianischen Personalausweisen. Das kommt davon wenn man die Behörde, die die Personalausweise ausstellt privatisiert und der Vorsitzende der nationalen Wahlaufsichtsbehörde bekennendes ARENA Mitglied ist.

Was ist noch passiert. Meine beiden Freundinnen Imke und Vera aus Münster und Köln waren da, haben mich besucht und wir sind zwei Wochen durchs Land gereist und haben noch einen kleinen Abstecher nach Guatemala gemacht. Eine Woche bevor es auf Reise ging fand die zweite Caminata por la vida statt, der Lauf fürs Leben, wovon ich euch schon in meiner letzen Rundmail erzählt hatte.


Bei 40° in der Sonne über die Landstraße und Autobahn sind etwa 150 Menschen aus dem Bajo Lempa innerhalb von vier Tagen in die Hauptstadt gelaufen um dort ihr Recht auf ein würdigeres Leben einzufordern. Am Abend des vierten Tages kamen sie in San Salvador an um am nächsten Morgen ihren Weg zur Präsidentschaftsresidenz fortzusetzen und dort einen Brief zu hinterlassen. Auf diesem Weg wurden sie von etwa 3000 Menschen begleitet, die aus dem Bajo Lempa und anderen Regionen des Landes anreisten, wurden aber auf halber Strecke von einer Polizeisperre aufgehalten. Auch die nationale, von der Regierung kontrollierte Presse hielt sich mit ihrer Berichterstattung zurück, sodass lediglich auf einem Fernsehkanal und in einer mehr oder weniger unabhängigen Zeitung von der Caminata berichtet wurde, was dem Ereignis einfach nicht gerecht wurde.
Nach der Caminata, während der Philipp, Imke und ich etwa 800km mit dem Auto zurückgelegt haben um Mahlzeiten zu organisieren und zu liefern gings dann in den Urlaub.

Wir waren in Suchitoto, ein kleines Städtchen am Ufer eines Sees im Norden, indem der ursprüngliche Kolonialstil des Landes noch erhalten ist.



Von da aus weiter nach Santa Ana, eigentlich eine gewöhnliche Stadt aber mit einer wunderschönen teils im gotischen Stil erbauten Kathedrale. Von dort nach Guatemala, noch mal nach Antigua



und auf den Pacaya und drei Tage später wieder zurück, diesmal an den Lago Coatepeque, ein Kratersee, an dem ich ganz zu beginn meines Jahres schon einmal mit Christian, unserem Vorgänger war. Vom See aus ein Tagesausflug nach Chalchuapa, Tazumal, wo es eine Ausgrabung eines Mayatempels zu sehen gibt.


Dann aus dem Westen einmal quer durchs Land in den Nordosten nach Morazan. Morazan und Chalatenango sind die im Bürgerkrieg am meisten umkämpften Departamentos. Die Mehrheit der Menschen im Bajo Lempa kommt ursprünglich aus diesen Gebieten und wurde nach dem Krieg, den sie in Flüchtlingslagern in Honduras und Nicaragua verbrachte im Bajo Lempa angesiedelt.
In Morazan haben wir uns mit unseren Freunden aus San Salvador getroffen und die Nacht am Fluss Torola verbracht,




bevor es dann am nächsten Tag nach Perquin ins Museum der ehemaligen Guerillabewegung ging. Von Perquin aus dann weiter an den Strand, zwei Tage Strand und weiter nach San Salvador. Einen Abend mit Imkes Kartofelpüree bei unseren Freunden, ein trauriger Abschied, eine Nacht im Hotel und am nächsten morgen zum Flughafen. Eine Reise im Zeitraffer, aber ich glaube die Fotos können noch mehr erzählen.
So meine Lieben, ihr seid auf dem neuesten Stand, ich werde mein Recht auf freie Meinungsäußerung, das ich noch bis zum 31. März habe, nutzen und den Text erstmal im Blog veröffentlichen.

Dienstag, 17. Februar 2009

A conocer el pais...

So, heute hier nur ein paar Fotos von einem Samstagsausflug mit ein paar Freunden, den übrigen Text dieses Eintrags habt ihr hoffetlich in einer Email bekommen, falls nicht, lasst es mich wissen, dann schick ich ihn euch nochmal...


Der Tag beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück



Über den Dächern von San Salvador


Los tres Alemanes



Besuch in einem Künstleratelier


Montag, 19. Januar 2009

Vom Urlaub...

Hallo ihr Lieben,
Philipp und ich sind wieder im Lande, genauer gesagt sind wir hier am Samstag kopfüber reingestürzt, doch davon später. Zu allererst wünsche ich euch allen ein frohes neues Jahr mit den Besten Wünschen und der Hoffnung, dass ihr eure guten Vorsätze, sofern ihr welche hattet noch nicht über den Haufen geschmissen habt und wenn doch, macht euch nix draus. Vielleicht tröstet es wenn ich euch sage, dass ich keine hatte, aber ich nehme noch gerne Vorschläge entgegen. Ja, also wir war das mit dem Urlaub, wo fange ich denn mal an? Möglicherweise beim Weihnachtsfest. Mein Weihnachtsfest war sehr unspektakulär, was es mir ganz schön schwer gemacht hat, Deutschland und meine Family nicht zu vermissen, ganz zu schweigen vom Radhausabend am 25. Aber nun gut, was hab ich gemacht. Morgens hab ich das Weihnachtshühnchen geschlachtet, gerupft, gewaschen, ausgenommen und gekocht um es danach zu Sandwichaufstrich zu verarbeiten. Dazu muss ich sagen, es war mein zweites Hühnchen, was dran glauben musste, aber das erste bei dem mir meine Gastmutter die komplette Zubereitung überlassen hat. Dann hab ich noch ein bisschen meine Sachen gepackt und gegen fünf gings dann zum Krippenspiel ins Gemeindezentrum, danach noch kurz zu den Eltern meiner Gasteltern und da klein Ernesto, also mein quasi Gastbruder so müde war, danach auch schon nach Hause. Und so saßen wir zu dritt im Haus und haben erzählt, Rum und Wein und Bier getrunken und danach gings ab in die Falle. Jetzt darf man aber nicht denken, dass das das typische Weihnachtsfest der Salvadorenos ist, von Philipp weiß ich, dass es bei ihm ein wenig anders zugegangen ist. Man trinkt und isst gemeinsam, besucht mit einem Fresskorb bepackt seine Freunde in der Gemeinde und um 12 treffen sich alle auf der Straße und feiern mit Böllern und Raketen.
Der eigentliche Feiertag ist der 1. Weihnachtstag, der uns auch einen Strich durch die Urlaubsplanung gemacht hat, denn es fahren weder Taxis, noch Busse, noch sonstirgendwas, sodass wir unsere Reise nach Nicaragua erst am nächsten Tag antreten konnten. Wir hatten das Glück einer Mitfahrgelegenheit zum Flughafen und sind wagemutig mitgefahren, im Glauben, es müsse doch irgendein öffentliches Verkehrsmittel vom Flughafen in die Hauptstadt geben, und zum Glück, so wars auch. Also haben wir uns am 25. auf die Socken gemacht und sind am 26. abends nach irgendwie 11 Stunden Fahrt in Managua, Nicaragua angekommen. Am nächsten morgen dann direkt weiter nach Granada, ein kleines Städtchen im Kolonialstil, wir hatten schon viel gehört, wie schön es dort sein soll, umso größer war die Enttäuschung. Der Marktplatz und die Kathedrale, sowie ein Sträßchen runter zum See, wunderschön gemacht, aber schaut man eine Straße weiter erkennt man die Theaterkulisse, die Granada für seine Touristen errichtet hat. Die gleiche Armut, der gleiche Dreck, wir fühlten uns verarscht und statt zwei Tage zu bleiben, haben wir uns am nächsten Tag auf den Weg in das wesentlich ehrlichere Masaya begeben, wo wir den Tag auf dem größten Kunsthandwerksmarkt des Landes verbracht haben und diesen schönen Baum entdeckten. Von Masaya weiter an die Pazifikküste nach San Juan del Sur, wo wir eigentlich auch Sylvester feiern wollten. Nach einem Tag am Strand und zwei Übernachtungen und einem wunderschönen Sonnenuntergang haben wir auch dort die Flucht ergriffen, denn wenn man plötzlich mehr Englisch als Spanisch hört und um sich herum nur betrunkene Amis, na ja, das war einfach nicht das, was wir wollten, also den Reiseplan noch mal umgeschmissen, wir waren einfach reif für die Insel. Dazu muss man wissen, Nicaragua hat einen riesigen See, der fast so groß ist wie ganz El Salvador in dessen Mitte sich eine Insel, bestehend aus zwei Vulkanen befindet: La Isla de Ometepe. Ometepe ist Nahuatl und bedeutet soviel wie ‚zwei Hügel’, oder zwei Vulkane und wenn man dieses Foto sieht, weiß man warum =)
Und da fanden wir endlich was wir suchten. Die erste Nacht, übrigens Sylvester, wollten wir noch in der Hafenstadt verbringen, in der Annahme, da sei Abends bestimmt was los, ja ihr Lieben was soll ich sagen, ich sags nur ungern, aber so isses: wir haben beide Sylvester verschlafen… Am nächsten Morgen hieß es dann bienvenidos a 2009. Nun ja haben uns nicht lange geärgert sondern die Flucht aufs Land ergriffen, wo wir uns so wohl fühlten, dass wir den Rest des Urlaubs dort verbracht haben. Weiter im Inselinnereen haben wir uns eine nette Herberge gesucht, die unseren Häusern in El Salvador schon sehr ähnlich war, aber da gings uns gut also blieben wir. Zufällig feierte das Dorf in diesen Tagen seinen Geburtstag und so konnten wir Zeuegen eines Stierkampfes werden, nichts für schwache Gemüter, soviel steht fest. Am nächsten Tag kamen wir in unserer Abenteuerlust auf die wahnwitzige Idee, einen der beiden Inselvulkane, den Maderas, zu besteigen, klar, warum auch nicht, sind ja nur 6 km und 1300 Höhenmeter eine Strecke und in 3-4 Stunden soll man oben sein, die Norweger, die wir abends zuvor getroffen haben, haben es in 3 stunden geschafft, also so schlimm kanns ja nicht sein… dachten wir. Ich Hampelfrau hab ja Wanderschuhe mitgenommen… nach El Salvador, da stehen sie auch immer noch gut unter meinem Bett. Na gut, dann eben mit Chucks.
Morgens um halb sieben gings los, noch gut frühstücken vorher aber dann, so schön es auch war, durch den tropischen Regenwald und durch die Wolken da hoch zu kraxeln, während über einem die Affen durch die Bäume turnen und bunte Vögel durch die Luft fliegen, es war verdammt hart, aber man fühlt sich so unglaublich gut, wenn man dann endlich nach 3,5 Stunden oben angekommen ist, das Problem ist das Wissen, dass man auch wieder runter muss. Nun gut, zunächst denkt man, runter müsste ja eigentlich schneller gehen als hoch, aber weit gefehlt, es hat noch mal 3,5 Stunden gedauert und der Muskelkater die drei folgenden Tage war das Geschenk, genau so, wie die tollen Fotos die wir machen konnten, da ist man am Ende schon wieder ein bisschen versöhnlicher. Noch ein Wort zu meinen Schuhen, die übrigens ein Geburtstagsgeschenk einer guten Freundin aus Düsseldorf waren und die sich immer beschwert hat, dass sie noch nicht dreckig genug seien, jetzt sind sies, aber eine Guatemaltekische Waschmaschine konnte zum mindest den groben Dreck entfernen.
Am ersten Januarwochenende hieß es dann Abschied nehmen und auf nach Guatemala zum Zwischenseminar. Ich war nicht sonderlich scharf darauf auf 20 andere Deutsche zu treffen, aber wir waren eine tolle Gruppe und es war unglaublich intensiv und anstrengend.
Zwischendurch haben wir einen Exkursionstag eingelegt, klingt wichtig, wars auch aber ich würde es wohl eher Ausflug nennen, was haben wir gemacht, drei mal dürft ihr raten, genau, wir haben einen Vulkan bestiegen, diesmal hieß er Pacaya und der Weg war wesentlich weniger schwierig, dafür aber das beeindruckendste Naturerlebnis ever. Der Pacaya ist einer der zwei noch aktiven Vulkane in der Region um Guatemala City und beim hochsteigen konnten wir schon glühende Gesteinsbrocken vom Gipfel fallen sehn. Während es in den unteren zwei Dritteln ziemlich kühl war, blies weiter oben eine warme Brise zwischen den Steinen hervor. Auf dem Gipfel angekommen, konnten wir beobachten, wie die glühende Lava als dicke, rot-gelb-orange Suppe aus dem Berg quoll und sich langsam den Weg nach unten suchte. Dazu am Horizont ein wunderbar unperfekter Sonnenuntergang mit ein paar Wolken dazwischen und während die Sonne auf der einen Seite unterging, tauchte der Vollmond auf der anderen Seite hinter den Bergen auf. Diese Beschreibung ist so absolut unvollständig, weil sie viel zu sachlich beschreibt, was da passiert ist, ich kanns nicht besser, aber es war ein unglaubliches Gefühl. Dann beim Abstieg, kommen wir plötzlich um eine Ecke und vor uns tauchten die Lichter von Guatemala City im Tal auf.
Was soll ich sagen, ein Tag den ich wohl nicht so schnell vergessen werde. Danach noch zwei Tage Seminar und dann noch drei Tage Urlaub in Guatemala, bevor es dann zurückging.
Heute ist unser erster Arbeitstag und wenn hier wieder Struktur drin ist auch wieder Infos zum Projekt, Land und Leute. Bis dahin passt auf euch auf…

Ja, da hat mich Carinchen auf was aufmerksam gemacht, fing ich doch an mit kopfüber und so, auch wenn es sich nicht um eine Katastrophe handelt... Ja also als wir am Samstag uns auf den Weg in den Bajo Lempa machten, hat man uns auf halber Strecke aus dem Bus gefischt, weil zufällig ein Auto von unserer Organisation vorbeikam und uns gesehen hat. Daher hieß es erst mal noch Versammlung wg. der Komunalwahlen und statt um 12 war ich um vier zuhause, totmüde, aber wieder mitendrin...

Dienstag, 23. Dezember 2008

Feliz navidad y próspero año nuevo...

Was soll ich sagen, es ist Weihnachten und 2008 ist fast vorbei.
Ich habe mein Versprechen nicht gehalten und ihr habt im Dezember wohl vergeblich auf einen neuen Eintrag gewartet, und auch dieser Eintrag ist nur kurz. Der Vorweihanchtsstress scheint auf der ganzen Welt ähnlich zu sein, auch wenn er sich hier etwas anders gestaltet. Ich war in den letzten Wochen viel unterwegs, jede Organisation hat ihre Jahresabschlussfeier und so bin ich einfach nicht dazu gekommen.
Ein Tag am Stand mit meiner Ballettgruppe, ein Tag am Meer mit unserer Organisation ACUDESBAL,
ein Tag in den Bergen mit der Gesundheitsorganisation ASPS,
ein Tag Weihnachtsfussballturnier.....Der Dezember ist wie im Flug vergangen und so ist morgen wohl Heiligabend. Ich kanns mir kaum vorstellen, Sonne, Palmen und Kokosnüsse machen es mir schwer und so bleibt die Weihnachtsstimmung wohl einfach aus. Dafür bin ich ein bisschen dankbar, da wär man dann doch mal gerne kurz drei oder vier Tage Zuhause.
Am Donnerstag fahren mein Projektpartner Philipp und ich in den Urlaub nach Nicaragua, machen dort eine kleine Rundreise, bevor wir uns dann am 4. Januar auf den Weg nach Guatemala machen, wo wir uns mit 15 anderen deutschen Freiwilligen zum Zwischenseminar treffen. Am 17. oder 18. Januar machen wir uns dann auf den Rückweg. Und daher werdet ihr auch bis dahin nichts mehr von mir hören, angeblich funktioniert mein Handy in Nicaragua und Guatemala nicht und von Internetcafés wollen wir uns fernhalten. Ich freue ich unglaublich auf den Urlaub, zum ersten Mal ein wenig Zeit für mich.
Ihr Lieben, ich wünsche euch ein wunderschönes Fest und kommt gut ins neue Jahr, ich denke viel an euch,

passt auf euch auf!

Montag, 1. Dezember 2008

.... und Spendenkonten

Wer mein Projekt hier in El Salvador unterstützen möchte kann das tun. Ich kann entscheiden, was mit dem Geld passiert und kann euch garantieren, dass es auch da ankommt, wo es hin soll. Da das Ganze über meinen Träger, das Bistum Münster läuft, erhaltet ihr auf Wunsch auch eine Spendenquittung, wenn ihr eure Adresse mit auf den Überweisungsträger setzt.

Mein Spendenkonto:
Kontonummer: 2000100

BLZ 40060265 Bistumskasse Münster
Verwendungszweck: RTR 001-1.2211.2261 EL Salvador, US

Ein riesiges Dankeschön an Alle, die mein Projekt unterstützen oder schon unterstützt haben!!!

Von Weihnachtswerbung und Postadressen

Hallo ihr Lieben,
es geht mit großen Schritten auf Weihnachten zu und für mich ist das so unglaublich irreal. Das Leben hier hat mit Weihnachten oder mit Advent so gut wie gar nichts zu tun, das einzige was einen daran erinnert, dass es in nur drei Wochen schon so weit ist, sind die Werbespots und Trailer im Fernsehen, bei denen zu Jinglebells und Merry Christmas in dicke Mäntel gepackte Weihnachtsmänner durch den Schnee stapfen und mit Glöckchengebimmel versuchen, ein amerikanisiertes Weihnachtsfeeling aufkommen zu lassen, aber ich glaube mein Fall ist Hoffnungslos und daran ist nicht zuletzt das Wetter schuld.
Nun, wie dem auch ist, ich möchte euch allen eine wunderprächtige Adventszeit wünschen, hoffe, der allgemeine Weihnachtsstress hält sich in Grenzen und ihr findet trotz allem ein bisschen Zeit, die schönen Momente dieser Jahreszeit genießen zu können, ich muss gestehen, ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es fehlt mir ein bisschen.
Viele von euch haben mich nach meiner Adresse gefragt und ich möchte euch sie nicht vorenthalten, aber ihr sollt wissen, dass ich in diesem Jahr keine Weihnachtspost oder Weihnachtsgeschenke verschicken werde.

Gloria Nuñes
Col. Porticos de San Ramon
Pje 8N° 18N
San Ramon Mejicanos
San Salvador
El Salvador

Das ist die Adresse von einer Bekannten in San Salvador, dieser Postweg ist der einfachste und schnellste und verhindert, dass die Post auf dem Weg von der Stadt aufs Land verloren geht =)
So ihr lieben, ich drücke euch feste und wünsch euch nur das Beste, die nächste Rundmail kommt Mitte Dezember, bis dahin machts gut,
eure Ulli, Ulle, Rike

Montag, 17. November 2008

Von Weihnachtsbäumen und kulinarischen Köstlichkeiten


Die letzte Info habe ich zusammengekauert unter meinem Mückennetz bei strömendem Regen geschrieben, daran ist jetzt schon nicht mehr zu denken. Seit gut zweieinhalb Wochen ist Sommer, als hätten wir den nicht schon vorher gehabt, subjektiv wenigstens. Irgendwann hats nachts noch mal kräftig gewittert und am nächsten Morgen war es überraschend kühl, es wehte eine kühle Brise und beim Frühstück sagte mir mein Gastvater: So Uli, jetzt ist Sommer. Ich hab das nicht so ganz geglaubt, weil wie soll denn bitte von heute auf morgen der Sommer kommen, aber er hat Recht behalten. Seitdem hat es nicht mehr geregnet, die letzten Pfützen trocknen noch, die Straßen haben sich zu Staubschleudern verwandelt und ich verpacke meine sauberen Klamotten in Kisten, damit sie nicht tagsüber zustauben. Was soll ich sagen, wir sind den alljährlichen Überschwemmungen mit Glück entkommen und weil, so sagt man, nun die zwei schönsten Monate vor der Türe stehen haben auch alle Schulen und Kindergärten jetzt Sommerferien, könnt ihr euch wahrscheinlich nur schlecht vorstellen, aber wie es so ist, man will immer das, was man grade nicht hat. Wettertechnisch ist hier jeder Tag gleich und manchmal wünsche ich mir einen grauen, nasskalten Novembersonntag, an dem man nichts, aber auch gar nichts vor hat, Zuhause im Wohnzimmer sitzt, sinnlos Kaffee, Kuchen und lauter andere ungesunde Sachen in sich reinschaufelt, Kerzen brennen und man in eine Decke gemümmelt ein gutes Buch lesen oder fernsehen kann.
Apropos Fernsehen: Ich bin vor anderthalb Wochen endlich aus dem Gästehaus ausgezogen. Habe am Ende gemerkt, dass es auch allerhöchste Eisenbahn wurde. Bin in eine Gastfamilie in die Comunidad Amando Lopez gezogen, die etwa 10km von Nueva Esperanza entfernt ist und ich merke, dass es mir gut tut, einerseits getrennt von Philipp, also gezwungen den ganzen Tag spanisch zu sprechen und andererseits kann ich endlich tiefer ins Leben und in die Kultur der Menschen hier eintauchen. Meine Family entspricht nicht so ganz der typischen Salvadoreanischen Familie, sie besteht nämlich nur aus Vater - Dore, Mutter - Mabel und einem dreijährigen Sohn namens Ernesto.

Mabel ist nur ein paar Monate älter als ich, was sich schon ein wenig seltsam anfühlt, denn ich bin einfach eine absolute Haushaltsinvalidin, wenn es um den salvadoreanischen Haushalt geht und für absolut nichts zu gebrauchen, aber Mabel hat Nachsicht und hat mich als Azubi eingestellt. Und so lerne ich jetzt Feuer machen, Mais und Bohnen auf dem Feuer zu kochen, Mais zu mahlen, Tortillateig zu machen, Tortillas zu machen…. Das sag ich euch, es sieht so einfach aus, aber es ist eine Wissenschaft für sich. Tortillas sind CD große Teigfladen, die es einfach zu jeder Mahlzeit gibt, und bestehen aus gekochtem und dann gemahlenem Mais, also quasi aus Mais und Wasser, wobei man dem Teig kein Wasser mehr zufügen muss. Der gekochte Mais wird einfach gemahlen und dann geknetet. Bis dahin soweit so gut, aber dann: Man mache aus einem Teighaufen eine CD große Tortilla, erst ein bisschen platt drücken, dabei immer schön zwischen den Fingern drehen, soll ra rund werden und kein Ei, dann die linke Hand anfeuchten, aber nicht zu viel, sonst werden es Schuhsohlen, dann Fladen in die linke Hand und mit der rechten leicht plattklopfen und dabei im Kreis drehen, ohne dass der Teig einreißt. Na, alles klar? Bei mir so wenig wie bei euch. Wo wir schon grade beim Essen sind, so viele von euch haben mich gefragt, was es eigentlich so zu essen gibt und das könnte ich an dieser Stelle ja mal kurz beantworten. Also Hauptnahrungsmittel sind: Mais in allen Variationen, das heißt als Tortilla, als gekochter Kolben, als Tamales, irgendwie auch Maisteig, aber noch hab ich keinen Plan wies funktioniert, als Fresco – so was wie Limonade oder auch als atol – dickflüssiges Maismehlgetränk mit Klümpchen und relativ salzig, nicht so mein Favorit ist ganz furchtbar mächtig, gibt’s aber auch aus Cashewkernen und das schmeckt dann schon wieder ganz anders. Ja, der Mais, dicht gefolgt von Reis und roten Bohnen, Bohnen mal als Pampe, mal als Suppe, vereint mit Reis dann auch Hochzeit – Casamiento genannt. Dann Eier: Spiegelei, Rührei mit oder ohne Gemüse, hartgekochtes Ei, Omelette… und wie einige von euch vielleicht wissen, hab ich vorher keine Eier gegessen… Wenn ich heute nach Hause komme und so n leckeres Spiegelei auf meinem Teller finde, freu ich mich schon drüber.
Ja also dann das Fleisch: Also es gibt nicht sonderlich häufig Fleisch, weil es einfach relativ teuer ist, für mich aber grundsätzlich erst mal von Vorteil, bin ja nicht so die große Fleischesserein, hatte ja sogar überlegt, ob ich hier allen erzählen soll, ich sei Vegetarierin, hab mich dann aber bei meiner ersten Gastfamilie bei der ich in Nueva Esperanza gegessen habe, dagegen entschieden und auf die Frage hin, was ich denn nicht mag nur gesagt, ich mag keinen Fisch. So fing die Quälerei an. Ein Ei, das nächste Ei, Fleisch mit ganz viel Knochen Fett und undefinierbaren Strukturen, aber ich musste feststellen, man gewöhnt sich an Alles. Bis ich auf einmal eines Mittags in ein Stück Fleisch beiße und denke, hm na ja schmeckt komisch, ein bisschen wie Wild, nee das kanns nicht sein, gibt’s hier nicht so viel von und ist viel zu teuer. Ok, was könnte es sonst sein? Letzte Woche wurde ne Kuh geschlachtet, es muss was von der Kuh sein. Fragen, oder erst aufessen? Ulrike, erst aufessen. Aufgegessen, sag mal Niña Santos, was war das für ein Fleisch? Ja, das war Zunge und Herz von der Kuh, lecker nicht? Eh, ja, sehr =) Hab meinen Teller gespült und bin ein kleines Bisschen stolz nach Hause gegangen. Anderer Tag, wieder undefinierbares auf dem Teller. Fragen, oder essen? Fragen, bin ja jetzt schon mutiger. Ja, das ist Hühnchenmagen und Hühnchenleber. Ok, der Magen war gar nicht so übel aber die Leber… nun ja, egal.
Dann, anderer Tag, mittags um halb fünf: Uli, Philipp, wir gehen fischen, kommt ihr mit, ja klar. Irgendwie quer durch die Felder durch knietiefen Matsch und strömenden Regen, 20 Minuten oder so, bis zum Fluss. Ich dachte mir schon um sechs wird’s dunkel, wir sind zum Abendessen sicher nicht zurück. Ja, am Fluss, kleine Holzhütte, braten wir doch den Fisch, den wir gefangen haben. Ehm ja, ich mag doch eigentlich keinen Fisch, hab aber Hunger, also probieren wirs mal…. Und was muss ich feststellen: Es schmeckt. Nach dem Fisch ne Garnele hinterher. Überlebt, zurück nach Hause. Meine Gastmutter hat mitbekommen, dass ich angeln war: Und hat der Fisch geschmeckt? Ja, hat er. Wie gut, dann kannst du ja nächstes Mal wenn ich Fisch koche auch Fisch essen. Ja, mach ich. Was soll ich sagen, der Fisch haut mich noch nicht vom Hocker, aber ich kann ihn essen, wenn auch ich nach wie vor vorsichtig bin.
Anderer Tag, Uli, Philipp, habt ihr Lust mit zu ner Versammlung nach Jiquilisco zu fahrn? Klar, haben wir. Wir sitzen im Auto und fahren an der Ausfahrt nach Jiquilisco vorbei. Das kann nur einen Grund haben, wir müssen noch Getränke kaufen. Naja, fast. Ab in die nächste Outdoorbar und statt Versammlung acht Bier zum Preis von sieben, inclusive Snackplatte mit Hühnchen, Fisch und seltsamen Eiern. Was sind das für Eier? Das, ach das sind rohe Schildkröteneier, wollt ihr mal probieren? Ehm, noch zwei Bier, dann vielleicht. Man mache mit den Fingernägeln ein kleines Loch in die relativ elastische Schale und schütte Salz und Limone rein und dann: Aussaugen. Nach wie vor scheußlich und denke ich nüchtern daran, dann denke ich immer noch, wie konnte ich das tun, aber es ging und so hatte ich drei davon, zwei so und eins im Bier. Außerdem gabs Krebssuppe. Kleines Töpfchen mit einem ganzen Krebs drin. Ich die Suppe, Philipp den Krebs. Passte nicht ganz in seinen Mund, sodass noch ein Scherchen herausguckte und übrig blieb. Was soll ich sagen, man kann mir mittlerweile nahezu alles vorsetzen, ich werde es probieren, was nicht heißt, dass es mir schmeckt, aber ich muss auch zugeben, dass ein Grossteil reine Gewöhnungssache ist. Das Frühstück am allerersten Morgen im Hotel bestand aus gebratenen Bananen, Rührei, Bohnenpampe und Pan francaise – weißpappe, tipico eben. Und es war eine echte Herausforderung für mich und ich habe mich gefragt, wie ich das jemals schaffen soll. Gibt es heute dieses Frühstück, denk ich mir: Ein perfekter Start in den Tag. Soviel zum Essen =)
Ansonsten habe ich irgendwie zu viel Arbeit, merke ich muss das reduzieren, mir zum mindest die Wochenenden freischaufeln um ein bisschen mehr Zeit für mich und die Dinge zu haben, die ich einfach nur für mich machen will. Ist ein bisschen blöd, Samstagsmorgens liegt eigentlich der Ballettunterricht, aber das ist jetzt meine Aufgabe, diesen zu verschieben, das wird nicht angenehm, will ja eigentlich keinem auf die Füße treten, aber es muss sein. Ansonsten läuft das mit dem Ballett noch nicht ganz so wie ich es mir vorstelle. Der ursprüngliche Plan war, alle zwei Wochen nach San Salvador zu einer Tänzerin zu fahren und ich unterrichte dann in der Zwischenzeit, was die gute Frau uns beigebracht hat.


Ich mach das jetzt schon vier Wochen und wir waren noch nicht einmal bei der guten Frau, auch wenn die Mädels einmal hingefahren sind. Ich habe mich geweigert, weil der andere Typ mit dem ich das zusammen mache, versucht hat, 20 Mädels in einen Pickup zu stopfen. 10 in den Innenraum, wo Platz für fünf ist und 10 auf die Ladefläche. Ich habe dann entschieden zuhause zu bleiben, weil es in meinen Augen einfach zu gefährlich war. Ohne mich konnten wenigstens alle vernünftig auf der Ladefläche sitzen und nicht auf dem Geländer. Dazu muss man wissen, dass es bis San Salvador 1,5 Stunden mehr oder weniger Autobahn sind. Ende vom Lied war allerdings auch, dass die Lehrerin am Ende doch keine Zeit hatte und die Mädels sich umsonst fast zu Tode gequetscht haben.



Ansonsten waren wir noch auf dem zweiten Teil des Kulturaustausches in der Hauptstadt, wo das wunderprächtige Foto vom Anfang entstanden ist. Nächste Woche veranstalte ich dann den 4,5 Stunden Workshop zum Thema HIV – AIDS. Ach ja, da fällt mir noch was ein. Ich hab vor ungefähr drei Wochen eine kleine Präsentation zum selben Thema vor etwa 20 mehr oder weniger Erwachsenen gehalten. Am Ende habe ich dann gefragt, ob sie wissen möchten, wie man korrekt ein Kondom benutzt und wollte es ihnen zeigen, hatte auch einen riesen Karton zum verschenken dabei, aber sie wollten es einfach nicht wissen. Alicia, meine Cheffin hats dann noch mal mit einem etwas adäquateren Spanisch versucht, aber nichts zu machen. Ich war ganz schön sprachlos. Auch stellte sich raus, dass sie nichts von dem was wir ihnen erzählt haben, behalten haben, denn sie konnten keine einzige Frage beantworten, obwohl wir die Antworten ein paar Minuten vorher auf dem Silbertablett präsentiert haben. Alter Schwede, das hat mich ganz schön nachdenklich gestimmt. Aber ich habe die Hoffnung, dass es nächste Woche schon ein bisschen anders aussieht, lassen wir uns überraschen…. Und da kommt keiner am Kondomabwickeln vorbei, alle müssen ran =)
Was gibt’s noch, ach ja Weihnachtsdekoration, ich lass das mal unkommentiert, aber diese Fotos sind im Oktober in einem Einkaufszentrum in San Salvador entstanden, in diesem Sinne eine frohe Adventszeit.


Wo wir gerade bei Weihnachtsbäumen sind. Ich habe mir den vergangenen Samstagvormittag freigeschaufelt, weil Philipp und ich ne runde einkaufen gehen wollten. Bevor wir uns aber ins chaotische Markttreiben von Usulutan stürzen konnten, haben wir noch kurz einen Abstecher nach Jiquilisco gemacht, wo bei der Post ein Paket darauf wartete von Philipp abgeholt zu werden. Nun ja, wir viel zu früh, erst mal ausgiebig frühstücken. Dann zur Post. Der Postbeamte holt unter dem Tresen ein etwa ein Meter langes Paket hervor, offensichtlich gehörte der Karton mal einem Plastikweihnachtsbaum. Ich muss grinsen. Nachdem alle Formalitäten geklärt sind, stellen wir fest, das Paket passt nicht in den Rucksack, also auspacken und den Inhalt mitnehmen. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen im Stadtpark von Jiquilisco und Philipp packt sein Paket - übrigens von seinen Großeltern - aus. Ja was soll ich sagen, nicht immer das was draufsteht ist auch drin... aber in diesem Fall schon. Philipp ist stolzer Besitzer eines Plastikweihnachtsbaumes zum zusammenstecken, ein bisschen größer als ein Meter und wenn man die Nadeln zurechtzupft macht er schon was her =)
Ich kann nur sehr schwer beschreiben, was der Erkenntnis, dass es sich um die Originalverpackung handelt - was Philipp und ich vorher, aufgrund absoluter Absurdität nicht mal annähernd in Betracht gezogen hätten - folgte, aber wer meine Lachanfälle kennt, weiß Bescheid. Nun ja, was tun, hierlassen, nein das geht nicht, also ausgepackt in den Rucksack stopfen und mitnehmen. Passte nicht ganz, weshalb die Baumspitze den ganzen Tag aus seinem Rucksack guckte, übrigens im Geschäft um die Ecke gabs Plastikbäume für 5 Dollar.



Philipps Baum fehlt noch die Deko, aber sonst absolut Konkurrenzfähig.


So, ihr Lieben, Mitte Dezember gibt’s wieder Neues aus El Salvador.
Ich drücke euch feste und hoffe, es geht euch gut und schick euch ein paar Sonnenstrahlen in den grauen November.
Bis bald.